Contrast(e)

Christopher Tye (ca. 1505-1573) vs. Claude Le Jeune (ca. 1528-1600)

Zwei gegensätzliche Komponisten und Denker des 16. Jahrhunderts

Clare Wilkinson – Mezzosopran
Gabriel Crouch – Bariton
Phantasm

Laurence Dreyfus – Diskantgambe
Emilia Benjamin – Diskant- und Tenorgambe

Jonathan Manson – Tenorgambe
Mikko Perkola – Bassgambe
Markku Luolajan-Mikkola – Bassgambe

Über die Herkunft Tyes ist uns wenig überliefert, doch wissen wir, dass er um das Jahr 1536 sein Studium der Musik in Cambridge abgeschlossen und bald danach am dortigen King’s College eine Stelle als lay clerk (hauptamtlicher Chorsänger) angenommen hat. Später begegnet er uns als Magister Choristarum an der nur wenige Kilometer von Cambridge entfernten Cathedral of Ely. Von besonderer Bedeutung für seinen weiteren Werdegang dürfte Tyes enge Beziehung zu Dr. Richard Cox, einem der einflussreichsten Befürworter der Reformation in England und zugleich Lehrer des späteren Thronfolgers Edward, gewesen sein. Cox führte den Komponisten nicht nur bei Hofe ein, er war es auch, der Tye um das Jahr 1560 als Bischof von Ely zum Diakon und noch im selben Jahr zum Priester weihen sollte. Kurz darauf verließ Tye Ely und wechselte auf einen Posten in Doddington, Cambridgeshire, wo er vermutlich 1573 verstarb. Und sind uns auch nur wenige Werke – oft nur in Fragmenten – aus seinem kompositorischen Schaffen erhalten geblieben, so zählte er doch zu den bedeutendsten Komponisten seiner Epoche und genoss bereits zu Lebzeiten besonders für seine Vokalwerke hohes Ansehen.

Auch im Falle von Claude Le Jeune liegen uns nur spärliche Informationen über dessen Jugend und Ausbildung vor. Erst Anfang der 1550er-Jahre finden sich Hinweise auf ihm zugeschriebene Stücke, die von einem Verleger in Löwen (Flandern) veröffentlicht wurden. 1554 erschien sein erster Band mit französischsprachigen Psalmvertonungen, versehen mit einer Widmung an zwei Mitglieder des protestantischen Adels, die ihn großzügig unterstützt und gefördert hatten. Auch in späteren Jahren finden sich wiederholt solche Widmungen, woraus zweifellos auf seine Verbundenheit mit der protestantischen Prominenz seiner Zeit – und wohl auch mit dem protestantischen Glauben – geschlossen werden kann.

Nachdem der Dichter Jean-Antoine de Baïf 1570 unter der Schirmherrschaft des französischen Königshauses die Académie de poésie et de musique gegründet hatte, schloss sich Le Jeune diesem Kreis an und wurde zu einem seiner wichtigsten Vertreter. In der Folge finden wir ihn als Lautenisten in den Diensten von Herzog François d’Anjou, dem Bruder von König Heinrich III., sowie als Lehrer adeliger Hugenotten. Ab 1594 war Le Jeune Mitglied der Hofkapelle von König Heinrich IV. in Paris, wo er zwei Jahre später zum Kammerkomponisten ernannt wurde. Nach seinem Tod im September 1600 fand er am protestantischen Friedhof der Pariser Gemeinde La Trinité seine letzte Ruhestätte.

Als äußerst kühn erweist sich Christopher Tye insbesondere im Hinblick auf seine metrischen und harmonischen Wagnisse, die seinen zuweilen mystisch anmutenden, wenngleich erstaunlich zugänglichen Instrumentalwerken innewohnen. In diesen wartet er dem Zuhörer immer wieder mit Schwindel erregenden Passagen von modernistischer, metrischer Komplexität auf. Le Jeune wiederum experimentiert auf andere Art und Weise in seinen großartigen Pariser Chansons, die maßgeblich vom Dichter Jean-Antoine de Baïf beeinflusst wurden. So entstanden Le Jeunes Werke nach dem Vorbild der Vers mesurés beziehungsweise der Musique mesurée von Baïf, der hinsichtlich der syllabischen Vertonung neue Ideen in die Vokalmusik einbrachte.

Clare Wilkinson und Gabriel Crouch bringen im Konzert dieses Abends gemeinsam mit dem Gambenconsort Phantasm unter der Leitung von Laurence Dreyfus nicht nur Le Jeunes Chansons zur Aufführung, es erklingen auch drei Instrumentalfantasien des französischen Komponisten, in denen dieser ebenso beharrlich musikalische Ideen und Visionen bis zum Äußersten verfolgt. Überdies dürfen wir uns auf Neuinterpretationen von Werken aus der Feder von Tye freuen, legen doch einige Manuskripte des englischen Komponisten eine vokale Ausführung seiner Stücke nahe. So werden instrumentale Passagen von den Sängern bestritten und Instrumentalstimmen, ganz ohne sich jedoch mit Worten zu behelfen, verdoppelt. Dies mag durchaus eine damals übliche Aufführungspraxis widerspiegeln, die für mehrere Jahrhunderte in Vergessenheit geraten war.

 


 

Das gesamte Kapitel zu diesem Konzert – wie in unserem Reclam-Programmbuch 2017 abgedruckt – können Sie durch Klicken des Download-Buttons als PDF herunterladen.

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