English Glories of the Sixteenth Century

 W. Byrd | T. Tallis | R. White | W. Mundy

Tenebrae
Nigel Short – Leitung

William Byrd (1543-1623) und Thomas Tallis (1505-1585) zählen zweifelsohne zu den prominentesten musikalischen Vertretern jener Epoche in England, die in den Geschichtsbüchern gemeinhin als Tudor-Zeit – in Anlehnung an das walisische Geschlecht der Tudors – Erwähnung findet, mit der Thronbesteigung von Heinrich VII. Tudor am 22. August 1485 beginnt und mit dem Tod seiner Enkelin Elizabeth I. (1533-1603) zu Ende geht. Weitaus weniger bekannt sind dagegen die Komponisten Robert White (1538-1574) sowie William Mundy (1529- 1591), obwohl ihr Schaffen von solch beeindruckender Qualität ist, dass sie durchaus in einem Atemzug mit Byrd und Tallis genannt werden können. Alle vier wurden als Katholiken geboren und gerieten unverschuldet in die von der englischen Reformation unter Heinrich VIII. ausgelösten und religiös motivierten Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der beiden unterschiedlichen Glaubensrichtungen. Doch wie kam es eigentlich dazu?

Als Arthur, der älteste Sohn Heinrichs des VII. und somit große Hoffnung der neuen Dynastie, 1502 unerwartet und im Alter von nur 15 Jahren starb, rückte sein jüngerer Bruder Heinrich in der Thronfolge nach. Mehr noch – er wurde auch mit Arthurs Witwe Katharina von Aragon verlobt, da das angestrebte Bündnis mit Spanien keinesfalls gefährdet werden sollte. Um allerdings eine Heirat von Heinrich und Katharina zu ermöglichen, bedurfte es eines päpstlichen Dispenses, da es laut kanonischem Recht einem Mann untersagt war, die Frau seines Bruders zu heiraten (Levitikus 18, 16), und erst nachdem dieser nach langen Verhandlungen von Papst Julius II. erteilt wurde, konnte der inzwischen zum König ausgerufene Heinrich VIII. Katharina zur Frau nehmen.

Beinahe 15 Jahre später sollte diese einst nur mit Zustimmung des Heiligen Stuhls möglich gewordene Ehe abermals der Anlass für jahrelange Verhandlungen und Streitigkeiten zwischen dem englischen Hof und dem Vatikan sein, denn weil der Verbindung mit der Witwe seines Bruders zwar eine Tochter, Mary, nicht aber der heißersehnte männliche Thronfolger entsprang und er aus diesem Grund seine Mätresse Anne Boleyn zur Frau nehmen wollte, verlangte Heinrich die Scheidung von Katharina. Diesmal allerdings blieb der Papst – inzwischen Clemens VII. – bei seiner ablehnenden Haltung und verwehrte dem Regenten mit der Formulierung Non possumus – Wir können nicht – den Wunsch nach Annulierung der Ehe.

Was danach passierte, ist allgemein bekannt: Heinrich setzte sich über den Spruch des Papstes hinweg, heiratete Anne, wurde daraufhin exkommuniziert und sagte sich mit der am 3. November 1534 im Parlament durchgesetzten Suprematsakte, die ihn zum höchsten Oberhaupt der englischen Kirche auf Erden machte, in der Folge endgültig von der römischen Kirche los.

Fast mutet es wie Ironie des Schicksals an, dass weitere 19 Jahre später, nachdem Heinrich bereits sechs Jahre tot und auch sein einziger legitimer männlicher Nachfolger Edward (1537-1553) nach nur sechsjähriger Regierungszeit gestorben war, seine Tochter aus der Ehe mit Katharina von Aragon als Mary I. den Thron besteigen sollte. Mary, zeitlebens strenggläubige Katholikin, trachtete danach, eine Aussöhnung mit Rom herbeizuführen, verhielt sich allerdings als Königin anfänglich Andersgläubigen gegenüber durchaus tolerant. Überdies war sie der Überzeugung, dass das englische Volk nur durch einige wenige zum Protestantismus verleitet worden war und man eine Rekatholisierung rasch und ohne große Probleme erreichen könnte. Sie sollte sich irren, und nachdem die Verbrennung der Anführer nicht die vermutete Wirkung zeigte, ließ sie die Verfolgung auf die einfache Bevölkerung ausdehnen. In ihrer nur fünfjährigen Regierungszeit sollte sie es auf beachtliche 300 Hinrichtungen auf dem Scheiterhaufen bringen, womit sie sich den wenig schmeichelhaften Beinamen »Bloody Mary« erwerben sollte.

Mit Elizabeth I., der Tochter von Heinrich und seiner zweiten Frau Anne Boleyn, kam im Anschluss wieder eine protestantische Herrscherin an die Macht, die nahezu alle Reformen ihrer älteren Schwester Mary rückgängig machte und die Kirche Englands wieder der Krone unterstellte, wobei festzuhalten ist, dass Elizabeth im Gegensatz zu Mary nicht dem in der Zeit der Glaubenskriege so weit verbreiteten religiösen Fanatismus verfiel. Glücklicherweise war Elizabeth darüber hinaus eine große Liebhaberin und Förderin der Musik, wodurch es während ihrer Regentschaft auch zu einem (erneuten) Aufblühen des kulturellen Lebens in England kam.

Auf welche Weise all diese Geschehnisse letztlich Einfluss auf das Leben und Wirken von Byrd, Tallis, White und Mundy ausgeübt haben, lässt sich heute nur sehr bedingt feststellen. Mit ihrer Musik haben sie uns allerdings ein berührendes Zeugnis über ihren unerschütterlichen Glauben hinterlassen, den sie auch in einer Zeit, in der man für seine religiöse Überzeugung leicht auf dem Scheiterhaufen oder im Kerker enden konnte, nicht verleugnet haben.

 


 

Das gesamte Kapitel zu diesem Konzert – wie in unserem Reclam-Programmbuch 2017 abgedruckt – können Sie durch Klicken des Download-Buttons als PDF herunterladen.

KAPITEL-DOWNLOAD KARTEN BUCHEN