07 – Il teatro dell’anima

Von denselben Affekten in geistlicher wie weltlicher Musik

Samstag, 8. September | 18 Uhr
Rathaus St. Veit/Glan

Silvia Frigato – Sopran
Paula Pinn – Blockflöte

Ensemble in Residence 2018
Mónika Tóth – Leitung & Violine
Ottavia Rausa – Violine
Lucas Schurig – Viola
Anna Tausch – Cello
Olga Watts – Cembalo & Orgel
Igor Davidovics – Theorbe
Barbara Fischer – Violone
Carles Cristobal – Fagott

Bereits um das Jahr 1700 zählte Neapel mit seinen über 400.000 Einwohnern neben Paris, London und Konstantinopel zu den vier größten Metropolen Europas. In der Hauptstadt des gleichnamigen Königreiches pulsierte das gesellschaftliche Leben, Adelsfamilien hielten hier Hof und zahlreiche Ordensgemeinschaften hatten in der Stadt am Fuße des Vesuvs ihre Klöster und Kirchen errichtet. Prächtig war nicht nur das Äußere Erscheinungsbild Neapels, auch das kulturelle und musikalische Leben erblühte in einer solchen Üppigkeit, wie sie anderswo kaum zu finden war.

Der Bedarf an neuer Musik war groß, denn die vielen Spielstätten – ob sakraler oder weltlicher Natur – sollten bespielt, die kunstsinnigen Mäzene, die aristokratische Gesellschaft, die Gläubigen und das allgemeine Publikum wollten amüsiert, berührt und inspiriert werden.

Dem gerecht zu werden erforderte wiederum eine beträchtliche Anzahl begabter Komponisten und Musiker, die es in Neapel glücklicherweise gab, da ausgehend von hier bereits Mitte des vorangegangenen Jahrhunderts eine Entwicklung ihren Anfang nahm, die als Neapolitanische Schule in die Musikgeschichte eingehen und mehr als 100 Jahre die Entwicklung der Oper maßgeblich mitbestimmen sollte.

Als Begründer dieser Schule gilt Francesco Provenzale (1624–1704), weitere bedeutende Vertreter waren Alessandro Scarlatti (1660–1725), Nicola Porpora (1686–1768), Francesco Durante (1684–1755), Leonardo Vinci (1690–1730), Francesco Feo (1691–1761), Leonardo Leo (1694–1744), Francesco Mancini (1672–1737), Giovanni Battista Pergolesi (1710–1736) sowie Gennaro Manna (1715–1779).

Doch nicht nur auf die Oper sollte sich auswirken, was so charakteristisch war für die Musik jener Komponisten, die als Vertreter der Neapolitanischen Schule galten: Das Ausreizen der Möglichkeiten der menschlichen Stimme zum Ausdruck jeglicher Affekte, Sinnlichkeit in der Melodie und die wunderbar harmonische Ergänzung der menschlichen Stimme durch den Klang der Instrumente fanden – wenig verwunderlich – auch Eingang in Kompositionen, die eigentlich zur Verwendung im kirchlichen Kontext gedacht waren.

Dass dies nicht nur auf ungeteilte Zustimmung stieß, ist nicht schwer zu erraten, sodass Kritiker beispielsweise den Vorwurf äußerten, die weltförmige Musik in der Kirche würde weniger die gewünschte Erbauung der Zuhörer, denn vielmehr Wollust und Laster fördern. Übrigens wurde ungefähr zur selben Zeit, also am Beginn des 18. Jahrhunderts, über dieses Thema auch rund 2000 Kilometer nördlich von Neapel im sogenannten Kantatenstreit leidenschaftlich diskutiert.

Aus einer 1721 erschienenen Schrift des Breslauer Musiktheoretikers Gottfried Ephraim Scheibel stammt folgender Kommentar, mit dessen Aussage der Verfasser seiner Zeit wohl weit voraus war:

Mein Endzweck in diesem Capittel ist zu zeigen/ daß die Kirchen- und die Welt-Music/ was die Motion der Affecten anbetrifft nicht eignes habe/ und also ein Componiste hierzu sich einerley Modi bedienen müsse […]. Es bleibt ein Affect/ nur daß die Objecta variren/ daß z.e. hier ein geistlicher Schmertz dort ein weltlicher empfunden wird/ daß man hier ein geistliches dort ein weltliches Guth vermisset und so w. Wie ich mich über weltlichen Dingen betrübe/ so kan ich mich über Geistlichen betrüben; Wie ich mich über diesen erfreue/ so kann ich mich über jenen erfreuen. Der Thon/ der mich in einer Opern vergnügt, der kann auch solches in der Kirchen thun/ nur daß er ein anders Objectum hat.

Scheibels Worte wollen wir uns zu Herzen nehmen und uns ganz ohne Vorbehalte den geistlichen wie weltlichen Werken F. Mancinis, N. Fiorenzas, G. Mannas, L. Vincis und G.B. Pergolesis hingeben.


 

Das gesamte Kapitel zu diesem Konzert – wie in unserem Reclam-Programmbuch 2017 abgedruckt – können Sie durch Klicken des Download-Buttons als PDF herunterladen.

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