Lacrimae

Jan Dismas Zelenka (1679-1745)
Lamentationes Ieremiae Prophetae ZWV 53 (1722)

Nicola Bonifacio Logroscino (1698-1765)
Stabat Mater (1760)

Perrine Devillers – Sopran
Adriana di Paola – Alt
Thomas Stimmel – Bass
Ensemble in Residence

David Watkin – Leitung

Jan Dismas Zelenka, 1679 im kleinen böhmischen Ort Launiowitz als Sohn eines Dorflehrers und Organisten und dessen Frau geboren, erhielt seine musikalische Grundausbildung mit großer Wahrscheinlichkeit im Elternhaus. Nur wenig wissen wir über seine frühen Jahre, erst viel später begegnet er uns als Violone spielender Student am Klementinum, einem Kolleg der Jesuiten in Prag. Weiters ist überliefert, dass im August 1704 in der Prager St. Nikolaus- Kirche sein ältestes uns heute bekanntes Werk Via laureata zur Aufführung gelangte.

1709 tritt er die Stelle eines Regens Chori am Klementinum an, doch bereits Ende 1710 finden wir ihn als Violone-Spieler in der Dresdner Hofkapelle des sächsischen Kurfürsten Friedrich August I., ab 1697 als August II. auch katholischer König von Polen-Litauen.

Unter Friedrich August, häufig August der Starke genannt, blühte der Kurstaat kulturell auf und Dresden erlangte den Ruf einer barocken Metropole, der bis in unsere Tage nachwirken sollte. Kaum verwunderlich also, dass es auch Zelenka dorthin zog, bot sich ihm doch dadurch erstmals die Gelegenheit, mit seinen Kompositionen größere Aufmerksamkeit zu erregen, als es ihm zuvor in Prag möglich war. Und alles deutet darauf hin, dass ihm das schon mit seinem ersten in Dresden entstandenen Werk, der Missa Sanctae Caeciliae (1711), gelungen sein dürfte, denn bereits wenige Monate nach seiner Ankunft in Dresden wurde sein ohnehin schon großzügiges Salär von ursprünglich 300 auf 350 Taler erhöht, ab 1714 stieg es sogar auf satte 400 Taler. Ein Umstand, der ohne Zweifel auch die hohe Wertschätzung widerspiegelt, die der Komponist und Musiker bei seinem Dienstgeber genoss.

Nichtsdestotrotz sollte ihm der Aufstieg in höhere Ämter zeitlebens verwehrt bleiben, denn er übernahm zwar ab Mitte der 1720er-Jahre mehr und mehr die Aufgaben seines Vorgesetzten Johann David Heinichen, der immer öfter krankheitsbedingt ausfiel, doch dessen Position als Kapellmeister wurde ihm auch nach Heinichens Tod 1729 nicht zuteil. Am Hof hielt man seit längerem Ausschau nach einem etablierten Opern-Komponisten, der Heinichen nachfolgen und daran mitwirken sollte, der Oper in Dresden zum Durchbruch zu verhelfen. Diesen fand man schließlich in der Person von Johann Adolph Hasse.

Woran mag es wohl gelegen haben, dass Zelenka es nicht schaffte, den Berühmtheitsgrad zu erlangen, der ihm nach heutigen Gesichtspunkten durchaus zugestanden wäre? Spätestens bei der Beantwortung dieser Frage sollten wir es nicht verabsäumen, einen Blick auf jenen seiner Zeitgenossen zu werfen, mit dem ihn weit mehr verband als nahezu idente Lebensdaten und das Bemühen um die Gunst ein und desselben Kurfürsten: Johann Sebastian Bach. Erfolglos bemühte sich dieser um den Titel eines Hofkompositeurs am Dresdner Hof; selbst die Stelle des Thomaskantors erhielt er nur, weil Georg Philipp Telemann dankend abgelehnt hatte und der im zweiten Wahlgang auserkorene Christoph Graupner das Amt nicht antreten konnte, da ihm sein früherer Dienstgeber die Entlassung verweigerte.

Zelenka und Bach kannten sich nicht nur persönlich, ihr Verhältnis zueinander kann sogar als ein von gegenseitiger Bewunderung und Wertschätzung geprägtes bezeichnet werden. Und trotz der unterschiedlichen religiösen Tradition, die ihre Musik prägte, gibt es interessante Parallelen in ihrem Schaffen: Beide legten viel Wert auf Kontrapunkt, fugale Technik und sorgfältige Ausarbeitung, ganz abgesehen von ihrer Vorliebe für sonore Klangfarben, die sich exemplarisch durch den Einsatz einer Vielzahl von obligaten Blasinstrumenten und chromatischen Harmonien ausdrückt. Zudem einte sie ein großes Interesse an der Musik der »alten Meister« wie Giovanni Pierluigi da Palestrina. Bach bearbeitete Palestrinas sechsstimmige Missa sine nomine für Singstimmen, Zelenka verfügte sogar über eine beachtliche Sammlung seiner Werke, die sich bis zum heutigen Tag in Dresden befindet.

Doch selbst wenn es für uns in Anbetracht des wunderbaren musikalischen Erbes von Bach – und auch seines durchaus als katholisches Pendant zu bezeichnenden Kollegen Zelenka – kaum vorstellbar und zu verstehen ist, sollte eines nicht außer Acht gelassen werden: Im Deutschland der 1730er- Jahre galt ihre Musik besonders außerhalb der Kirchen als altmodisch, was verständlicherweise ihrer Popularität nicht gerade zuträglich war.

Nicola Bonifacio Logroscino wurde 1698 in der apulischen Kleinstadt Bitonto geboren, wo er auch durch seinen Onkel, Kapellmeister am dortigen Dom, ersten Musikunterricht erfuhr. Im Alter von 16 Jahren kam er nach Neapel, um am Conservatorio Santa Maria Loreto unter anderem bei Giovanni Veneziano (1683-1742), einem der ersten neapolitanischen Komponisten komischer Opern, seine Studien zu vertiefen. Ab 1728 wirkte er für drei Jahre als Organist in Diensten des Erzbischofs von Conza, ehe er 1731 wieder nach Neapel ging, um dort für die nächsten zwanzig Jahre in erster Linie Opern für die unbedeutenderen Theater der Stadt zu schreiben. Erst 1753 – mit der Aufführung seiner Oper L’olimpiade am Teatro Argentina in Rom – war ihm großer Erfolg beschieden.

In seine Zeit als Kapellmeister am Conservatorio dei‘ figliuoli dispersi in Palermo, der er von 1758 an bis zu seinem Tod bleiben sollte, fällt auch die Entstehung seines Stabat Mater (1760) für Sopran, Alt, zwei Violinen und Basso continuo. Diese höchst einfallsreiche und bemerkenswerte Komposition von berührender Schönheit scheint zwar inspiriert von den älteren – und bekannteren – Vertonungen Scarlattis und Pergolesis, wirkt aber weitaus dramatischer und erinnert in Melodie und Rhythmus bisweilen an neapolitanische Volksmusik. Mit O quam tristis findet sich in Logroscinos spätem Meisterwerk überdies eine der schönsten Arien des 18. Jahrhunderts.


Das gesamte Kapitel zu diesem Konzert – wie in unserem Reclam-Programmbuch 2017 abgedruckt – können Sie durch Klicken des Download-Buttons als PDF herunterladen.

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