16 – Von Musen und feinen Damen

Sonntag, 16. September | 11 Uhr
Pfarrkirche St. Peter/Taggenbrunn

Elisabeth Champollion – Blockflöte
Paula Pinn – Blockflöte
Alon Sariel – Laute
Sara Johnson Huidobro – Cembalo

 

Im Jahr 1728 veröffentlichte Georg Philipp Telemann (1681–1767) in seiner Musikzeitschrift Der getreue Music-Meister eine Suite für zwei Flöten und Basso continuo, die er fünf berühmten Frauengestalten der Antike widmete: Xanthippe, Lucretia, Korinna, Clelia und Dido.

In seinem Werk folgen auf die Einleitung in der dreiteiligen Form einer französischen Ouvertüre fünf Tänze, von denen jeder mit charakteristischen Rhythmen und Figuren die Persönlichkeit der obengenannten Damen mit musikalischen Mitteln zu beschreiben trachtet.

Xanthippe kennen wir als widerspenstige Ehefrau des griechischen Philosophen Sokrates. Der Überlieferung nach soll diese einmal im Zorn den Nachttopf über dem Haupte ihres Gemahles entleert haben, was dieser ganz trocken mit den Worten „Seht ihr, wenn meine Frau donnert, spendet sie auch Regen!“ kommentiert haben soll. Eine Hornpipe, der für seine widerborstigen Rhythmen bekannte Tanz von den Britischen Inseln, schien Telemann in diesem Falle angebracht.

Lucretia, berühmt für ihre Schönheit und Tugendhaftigkeit, war die Ehefrau des römischen Feldherrn Collatinus. Nachdem sie von Sextus Tarquinius, dem Sohn des letzten römischen Königs, vergewaltigt worden war, machte sie ihrem Leben und ihrer Schmach ein Ende, indem sie sich einen Dolch ins Herz stieß. Ihre Verzweiflung kommt in einer pathetischen Sarabande zum Ausdruck.

Die griechische Dichterin Korinna stammte aus Tanagra in Böotien. Es wird vermutet, dass sie eine Zeitgenossin des bedeutenden Dichters Pindar war, mit dem sie sich auch in einem Wettstreit gemessen haben soll. Der Literaturkenner Telemann komponierte für sie eine rustikal-heitere Bourrée.

Die junge Römerin Clelia erlangte Berühmtheit, nachdem sie 508 v. Chr. im Krieg zwischen den Römern und dem etruskischen König Lars Porsenna auf ihrer Flucht aus dem feindlichen Lager den Tiber durchschwamm. Ihren Heldenmut belohnte selbst Porsenna mit der Freilassung weiterer Geiseln. Ob Telemann mehr von ihrer Tapferkeit oder aber von ihrer sportlichen Leistung beeindruckt war, entzieht sich unserer Kenntnis. Dennoch: Dynamischer und eleganter hätte wohl kein Komponist des Barock Clelias Schwimmstil musikalisch abbilden können.

Und dann wäre da noch Dido, Königin von Karthago, die sich unsterblich in den Prinzen Aeneas verliebte, nachdem dieser auf der Flucht aus Troja an den Gestaden des neu gegründeten Karthagos angespült wurde. Ihr Liebesglück sollte allerdings nur von kurzer Dauer sein, denn bald schon schickte Jupiter den Götterboten Mercurius, um Aeneas an seine Pflicht – die Gründung eines neuen Staates an den Ufern Latiums – zu erinnern. Er gehorchte und verließ Dido. Mit gebrochenem Herzen blieb sie zurück und sah den einzigen Ausweg darin, sich mit dem Schwert ihres Geliebten das Leben zu nehmen. Dieser letzte Satz der Suite schwankt zwischen Trauer und rasender Verzweiflung.

Lang ist die Liste der Komponisten, die sich in ihrem Schaffen von Frauen inspirieren ließen, wobei diese keinesfalls immer in der Gestalt mythologischer Figuren in Erscheinung treten mussten. Durchaus konnten es auch feine Damen aus Fleisch und Blut sein, die zu Musen wurden und dadurch Eingang in die Musikgeschichte fanden.

So erklingen in dieser Matinée neben Telemanns Suite auch Werke von Marin Marais (1656–1728), Jean-Philippe Rameau (1683–1764), Giovanni Legrenzi (1626–1690) und Marco Uccellini (1603–1690). Ein Hoch den Frauen, denn ihnen haben wir letztlich diese wunderbare Musik zu verdanken!


 

Das gesamte Kapitel zu diesem Konzert – wie in unserem Reclam-Programmbuch 2017 abgedruckt – können Sie durch Klicken des Download-Buttons als PDF herunterladen.

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